Der Atem als Tor zum Leben

22 Stimmen über die Kraft des bewussten und Verbundenen Atems

Wir können Wochen ohne Nahrung leben, Tage ohne Wasser – doch nur wenige Minuten ohne Atem.

Und trotzdem geschieht unser Atem die meiste Zeit völlig nebenbei.

Vielleicht liegt gerade darin sein Geheimnis: Der Atem ist immer da. Vom ersten Atemzug unseres Lebens bis zum letzten begleitet er uns. Er reagiert auf Angst und Freude, auf Anspannung und Hingabe, auf Bewegung, Liebe, Stille und Schmerz.

Beim Verbundenen Atem bekommt diese alltägliche Selbstverständlichkeit eine neue Tiefe. Ein- und Ausatmung werden zu einem fließenden Kreis. Keine willentliche Pause trennt sie voneinander. Atem folgt auf Atem, Welle auf Welle.

Rüdiger Dahlke beschreibt den Atem als eine Verbindung von Körper, Seele und Leben. Osho wiederum stellt den Atem immer wieder in den Mittelpunkt von Meditation, Bewusstheit und innerem Beobachten.

Doch sie sind nicht allein.

Hier kommen 22 Stimmen aus Atemarbeit, Yoga, Meditation, Psychologie und Spiritualität zusammen.


Rüdiger Dahlke – Mit dem Atem wachsen

„Atem ist der deutlichste Ausdruck unseres Lebens in der Polarität.“

Rüdiger Dahlke

Für Dahlke ist Atmung weit mehr als der mechanische Austausch von Gasen. Sie steht sinnbildlich für eines der großen Grundprinzipien des Lebens:

Aufnehmen und Loslassen.
Fülle und Leere.
Innen und Außen.
Einatmen und Ausatmen.

Er schreibt über den Zusammenhang von Atem, Leben und Seele:

„Mit dem Atem zu wachsen, war immer und bleibt eine wundervolle Möglichkeit der Entwicklung.“

Beim Verbundenen Atem wird diese Polarität zu einem Kreis. Ein- und Ausatmung gehen unmittelbar ineinander über.

Ein besonders schöner Gedanke von Dahlke lautet:

„Leben ist nicht die Zahl unserer Atemzüge, sondern die Essenz der Erfahrungen, die uns den Atem verschlagen haben.“

Vielleicht geht es beim bewussten Atmen deshalb nicht darum, möglichst viel zu atmen.

Vielleicht geht es darum, wirklich zu leben.


Osho – Werde zum Atem

Bei Osho begegnet uns der Atem immer wieder als unmittelbarer Weg ins Jetzt.

In seinen aktiven Meditationen kann der Atem intensiv, tief und kraftvoll werden. Gleichzeitig betont Osho etwas Entscheidendes:

Bleibe Zeuge dessen, was geschieht.

„Breathe in deeply and breathe out deeply. Become breathing itself.“

Frei übersetzt:

Atme tief ein. Atme tief aus. Werde selbst zum Atem.

Das ist ein radikaler Gedanke.

Nicht mehr: Ich atme.

Sondern für einen Augenblick gibt es vielleicht nur noch:

Atmen.


Osho – Atem und Bewusstheit

Osho verbindet intensive Atmung immer wieder mit Bewusstheit.

„Breathe and also observe that you are breathing.“

Atme – und beobachte gleichzeitig, dass du atmest.

Wenn ich meinen Atem beobachten kann – wer ist dann derjenige, der beobachtet?

Diese scheinbar einfache Frage führt mitten hinein in Meditation.

Gedanken können kommen und gehen. Gefühle können auftauchen. Körperempfindungen können intensiv werden.

Doch etwas in uns kann beobachten.

Der Atem wird dadurch zu einer Brücke zwischen Erfahrung und Bewusstsein.


Osho – Atmen und Loslassen

In Oshos dynamischen Meditationen wird der Atem teilweise bewusst intensiviert.

Entscheidend ist dabei nicht nur die Intensität.

Entscheidend ist auch das Loslassen der Kontrolle.

Atmen.
Spüren.
Geschehen lassen.
Beobachten.

Das ist eine faszinierende Verbindung:

volle Hingabe und gleichzeitig Bewusstheit.

Vielleicht ist genau das eine der großen Lektionen des Atems:

Sich ganz hineinzugeben, ohne sich selbst darin zu verlieren.
Mehr zu Osho!


Rüdiger Dahlke – Der Atemkreis

Beim Verbundenen Atem werden Einatmung und Ausatmung bewusst miteinander verbunden.

Dahlke beschreibt einen Atem, bei dem Ein- und Ausatmen zu einem kontinuierlichen Atemkreis werden.

Das Bild des Kreises gefällt mir besonders.

Denn auch das Leben verläuft nicht nur geradeaus.

Es bewegt sich in Kreisen:

Tag und Nacht.
Wachen und Schlafen.
Anspannung und Entspannung.
Geburt und Tod.
Einatmen und Ausatmen.

Der Atem erinnert uns mit jeder einzelnen Runde daran:

Alles kommt. Alles geht. Und daraus entsteht das Leben.


Rüdiger Dahlke – Freilegen, was bereits da ist

Ein weiterer Gedanke Dahlkes geht über die reine Atemtechnik hinaus:

„Wir müssen nichts hinzufügen, sondern das, was in der Tiefe bereits vorhanden ist, freilegen.“

Das verändert die Perspektive.

Vielleicht müssen wir nicht ständig etwas Neues werden.

Vielleicht dürfen wir Schicht für Schicht entdecken, was bereits da ist.

Der Verbundene Atem kann dabei zu einer Form der Selbsterfahrung werden:

Nicht machen.
Nicht analysieren.
Sondern atmen, fühlen und wahrnehmen.


Leonard Orr – Der Pionier des Rebirthing

Leonard Orr gilt als einer der wichtigsten Pioniere des Conscious Connected Breathing und des Rebirthing Breathwork.

Von ihm stammt der Satz:

„Every breath induces relaxation.“

Jeder Atemzug lädt zum Loslassen ein.

Orr erkannte früh das Potenzial eines Atems, bei dem Ein- und Ausatmung miteinander verbunden werden.

Sein Ansatz beeinflusste zahlreiche spätere Formen moderner Atemarbeit.


Stanislav Grof – Atem und außergewöhnliche Bewusstseinsräume

Der Psychiater Stanislav Grof entwickelte gemeinsam mit Christina Grof das Holotrope Atmen.

Dabei werden unter anderem vertiefte bzw. beschleunigte Atmung, Musik und Körperarbeit miteinander verbunden.

Grof beschreibt den Beginn einer Sitzung sinngemäß als ein etwas schnelleres und tieferes Atmen, bei dem Ein- und Ausatmung zu einem kontinuierlichen Atemkreis verbunden werden.

Damit begegnen wir wieder demselben Bild:

Der Atem wird zum Kreis.


Christina Grof – Vertrauen in die innere Bewegung

Christina Grof entwickelte gemeinsam mit Stanislav Grof das Holotrope Atmen.

Ein wesentlicher Gedanke dieses Ansatzes ist das Vertrauen in eine innere Weisheit, die nicht vollständig vom rationalen Verstand gesteuert werden muss.

Der Atem öffnet den Raum.

Was darin auftaucht, darf zunächst wahrgenommen werden.

Nicht alles muss sofort erklärt werden.

Manches möchte einfach gefühlt werden.


Thich Nhat Hanh – Der Atem als Brücke

Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh formulierte eines der schönsten Bilder über den Atem:

„Breath is the bridge which connects life to consciousness.“

Der Atem ist die Brücke, die Leben und Bewusstsein miteinander verbindet.

Und an anderer Stelle:

„Feelings come and go like clouds in a windy sky. Conscious breathing is my anchor.“

Gefühle kommen und gehen.

Der bewusste Atem bleibt unser Anker.


Pema Chödrön – Berühre den Ausatem

Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön beschreibt eine wunderbar sanfte Form der Atemmeditation.

„Touch the out-breath and let it go.“

Berühre den Ausatem. Und lass ihn gehen.

Wie viel Lebensweisheit steckt in diesen wenigen Worten?

Berühren.
Erleben.
Loslassen.


Jon Kabat-Zinn – Jeder Atemzug ist ein Neubeginn

Jon Kabat-Zinn machte Achtsamkeit weltweit bekannt.

In seinen Meditationsanweisungen findet sich ein wunderschöner Satz:

„Each breath a new beginning.“

Jeder Atemzug – ein neuer Anfang.

Wir müssen also nicht bis morgen warten.

Nicht bis Montag.

Nicht bis zum nächsten Jahr.

Der nächste Anfang kommt mit dem nächsten Atemzug.


Eckhart Tolle – Ein bewusster Atemzug

Eckhart Tolles Lehre kreist um Gegenwärtigkeit.

Der Atem ist dafür ein unmittelbares Tor.

Schon ein bewusst wahrgenommener Atemzug kann eine kleine Unterbrechung im unaufhörlichen Strom des Denkens schaffen.

Einatmen.

Ausatmen.

Für diesen Augenblick muss nichts anderes existieren.


B. K. S. Iyengar – Atem als Weg nach innen

Im Yoga nimmt der Atem seit Jahrtausenden eine zentrale Stellung ein.

B. K. S. Iyengar widmete dem Pranayama einen wesentlichen Teil seiner Arbeit.

Der Atem wird dabei nicht lediglich als Luft verstanden.

Er steht in Verbindung mit Prana – der Lebensenergie.

Yoga wird dadurch vom rein körperlichen Üben zu einer Reise nach innen.


Swami Svatmarama – Wenn der Atem ruhig wird

In der klassischen Hatha Yoga Pradipika heißt es:

„When the breath wanders, the mind is unsteady.“

Wenn der Atem unruhig ist, ist auch der Geist unruhig.

Und wenn der Atem zur Ruhe kommt, kann auch der Geist ruhiger werden.

Diese jahrhundertealte Beobachtung ist bis heute ein Grundgedanke des Yoga:

Atem und Geist beeinflussen sich gegenseitig.


Patanjali – Atem und Sammlung

Bereits in den Yoga Sutras des Patanjali bekommt Pranayama einen wichtigen Platz.

Nach Körperhaltung und vor den tieferen Stufen der Meditation steht die Arbeit mit dem Atem.

Der Atem bildet gewissermaßen eine Schwelle:

vom äußeren Erleben zum inneren Erleben.
Vom Tun zum Wahrnehmen.
Von Bewegung zu Sammlung.


Alexander Lowen – Mit dem ganzen Körper atmen

Der Arzt und Psychotherapeut Alexander Lowen, Mitbegründer der Bioenergetischen Analyse, betrachtete Atmung und Körperausdruck als eng miteinander verbunden.

„Breathing easily and fully is one of the basic pleasures of being alive.“

Leicht und vollständig zu atmen gehört zu den grundlegenden Freuden des Lebendigseins.

Lowen beobachtete außerdem, dass chronische muskuläre Spannungen die natürliche Atembewegung einschränken können.

Der Atem erzählt also auch etwas über unseren Körper.


Wim Hof – Atmung verändert unseren Zustand

Wim Hof machte intensive Atemtechniken in den vergangenen Jahren einem großen Publikum bekannt.

Eine seiner prägnantesten Aussagen lautet:

„Breathing is chemistry.“

Atmung ist Chemie.

Damit erinnert Hof daran, dass Atemarbeit nicht nur eine spirituelle Vorstellung ist.

Atmen ist gleichzeitig etwas zutiefst Körperliches.

Der Atem steht genau an dieser faszinierenden Grenze:

Er ist automatisch – und gleichzeitig bewusst beeinflussbar.


Amit Ray – Im Atem leben

Der Meditationslehrer Amit Ray formuliert:

„If you want to conquer the anxiety of life, live in the moment, live in the breath.“

Lebe im Augenblick.

Lebe im Atem.

Die Vergangenheit existiert als Erinnerung.

Die Zukunft als Vorstellung.

Atmen können wir nur jetzt.


Swami Sivananda – Atem ist Leben

In der yogischen Tradition begegnet uns ein sehr einfacher Grundsatz:

„Breath is life.“

Atem ist Leben.

Pranayama bedeutet deshalb nicht einfach, möglichst viel Luft zu holen.

Es ist die bewusste Begegnung mit Prana, der Lebensenergie.

Der Atem wird vom unbewussten Hintergrund unseres Lebens wieder ins Bewusstsein geholt.


Buddha – Zurück zum Atem

Die Atembetrachtung gehört zu den ältesten buddhistischen Meditationswegen.

Nicht verändern.

Nicht bewerten.

Einfach wahrnehmen:

Ich atme ein.
Ich atme aus.

Der Atem braucht keine komplizierte Philosophie.

Er geschieht bereits.

Wir müssen nur wieder bei ihm ankommen.


Dein eigener Atem

Nach Osho, Dahlke, Orr, Grof, Thich Nhat Hanh und all den anderen Stimmen bleibt am Ende eine Stimme übrig, die wichtiger ist als alle Bücher:

dein eigener Atem.

Denn niemand kann für dich atmen.

Niemand kann für dich loslassen.

Niemand kann für dich fühlen.

Und niemand kann deine innere Erfahrung vollständig erklären.

Vielleicht dürfen wir deshalb für einen Moment alle Zitate vergessen.

Schließe die Augen.

Spüre deinen Körper.

Atme ein.

Atme aus.

Verbinde den nächsten Einatem sanft mit dem Ausatem.

Und den Ausatem wieder mit dem Einatem.

Ein Kreis.

Noch ein Kreis.

Noch einer.

Bis vielleicht für einen Moment die Frage verschwindet:

„Wie soll ich atmen?“

Und nur noch Atem da ist.


Atmen bedeutet empfangen und loslassen

Vielleicht ist der Atem unser ältester Lehrer.

Jeder Einatem sagt:

Nimm das Leben an.

Jeder Ausatem sagt:

Lass los.

Und der Verbundene Atem fügt hinzu:

Beides gehört zusammen.

Wir können nicht ewig einatmen.

Wir können nicht ewig ausatmen.

Leben entsteht aus der Bewegung zwischen beiden Polen.

Osho erinnert uns daran, mitten im Atem bewusst zu bleiben.

Rüdiger Dahlke erinnert uns an die seelische Dimension des Atems.

Leonard Orr und Stanislav und Christina Grof zeigen, welches Potenzial in intensiver bewusster Atemarbeit liegen kann.

Die Yogis erinnern uns an Prana.

Die buddhistischen Lehrer erinnern uns an Gegenwärtigkeit.

Und unser eigener Körper erinnert uns jeden Augenblick an die vielleicht einfachste Wahrheit überhaupt:

Solange wir atmen, sind wir hier.

Atme.
Fühle.
Lass los.
Empfange.
Und beginne mit dem nächsten Atemzug neu.

Hinweis: Intensive Formen des Verbundenen oder beschleunigten Atmens unterscheiden sich von ruhiger Atemachtsamkeit. Bei gesundheitlichen Einschränkungen sollte intensive Atemarbeit nur nach entsprechender Abklärung und mit fachkundiger Begleitung praktiziert werden.

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